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Kinder brauchen Geschichten

Wie schön war es, wenn ich als Kind mit meiner Schwester in der Badewanne war und unsere Grossmutter sich zu uns setzte und uns Geschichten erzählte. Manchmal waren es erfundene. fantasievolle Geschichten, manchmal spannende Erzählungen von der Zeit, als sie selbst noch ein Mädchen war. Ich konnte nicht oft genug hören, wie sie sich beim Verstecken spielen den Finger in der schweren Türe einklemmte oder wie sie mit ihrem jüngsten Bruder Streiche ausgeheckt hat.

 

Meine Grossmutter konnte wundervoll erzählen – nie langweilig oder eintönig. Wie packend konnte sie fabulieren und formulieren! Ich habe es geliebt. So wurde für mich Geschichten hören und Geschichten erzählen zu etwas, das mich mein Leben lang begleitet hat. Als Kind ging ich oft mit meiner Freundin in den nahen Wald zu unserem Plätzchen unter einem Baum. Dort erzählten wir uns eine immer fortlaufende Geschichte. Eine von uns begann zu erzählen bis zu einem bestimmten Punkt und dann übernahm die andere und spann die Geschichte weiter. Wir waren selbst Protagonistinnen in unseren Geschichten mit immer denselben Begleitern. Wir haben in unseren Geschichten unendlich viele Abenteuer gemeistert!

 

Was ich am Erzählen und Zuhören von Geschichten einfach wundervoll finde ist, dass es der eigenen Vorstellungskraft so viel Raum gibt. Mit Hilfe der Fantasie kann dein Kind eigene innere Bilder entstehen lassen und geht beim Zuhören auf Reisen in andere Gefühls- und Erfahrungswelten

Meinen Kindern habe ich jeden Abend selbsterfundene Geschichten, Bilderbücher oder Märchen erzählt. Waren wir in den Ferien und spazierten abends noch am Strand entlang, verlangten sie immer nach einem bestimmten Märchen eines Fischers. Auch als meine Kinder schon Teenager waren, gehörte das Märchen zu sterneklaren Abenden am Meer dazu.

Und natürlich habe ich im Kindergarten unzählige Geschichten erzählt und mich immer wieder über staunende und strahlende Kinderaugen und die gespannte Konzentration auf die Geschichte gefreut!

 

Aber warum sollen wir Kindern überhaupt Geschichten erzählen? Dein Kind kann sich mit verschiedenen Medien Geschichten anhören und anschauen – weshalb also ist es wichtig, dass auch du deinem Kind immer wieder Geschichten erzählst?

Geschichten geben Momente der Ruhe, Geborgenheit und Deeskalation

Das Erzählen von Geschichten ist eine wunderbare Art im Alltag, der auch für dein Kind oftmals anstrengend ist, Ruheinseln zu schaffen. Wenn du merkst, dass dein Kind müde und überdreht ist, hilft es oft, wenn du es dir mit deinem Kind gemütlich machst und ihm eine Geschichte erzählst. Ob du nun eine Geschichte selbst erfindest und die momentane Tagessituation einbaust oder ob ihr euch für ein Bilder – oder Vorlesebuch entscheidet, ist ganz egal. Hauptsache, dein Kind findet Ruhe und Geborgenheit und kann durch die Geschichte den Alltag loslassen und in Fantasiewelten eintauchen. Ich denke, dass dies gerade abends eine gute Möglichkeit für dein Kind ist, das Erlebte des Tages zu verarbeiten und abzulegen und so langsam zur Ruhe zu kommen. Darum finde ich es schön, wenn eine Geschichte in das Abendritual eingebaut wird. Und was ich am wichtigsten finde ist, dass du durch die gemeinsame Geschichtenzeit die Beziehung und Bindung zu deinem Kind stärken kannst!

Ich glaube, dass das gemeinsame Geschichten erzählen und hören auch ein Mittel sein kann, sich gegenseitig besser zu verstehen. Wenn vielleicht die Zeichen auf Familiensturm, Sich-zurückziehen oder Gesprächsblockade stehen, kann eine gute Geschichte Druck aus der Situation nehmen.

Man begegnet sich wieder – und zwar nicht im spannungs-geladenen Familienalltag, sondern im Erleben einer Geschichte und dies kann aufzeigen, wie ihr anders miteinander umgehen könntet, eine Lösung für euer Problem finden könnt.

Geschichten erzählen kann also auch mal den Familienfrieden retten.

Geschichten vermitteln Zuversicht und Optimismus

Von Kindern geliebte Geschichten gehen gut aus! Solche Geschichten handeln auch mal von ganz normalen Menschen - sie können jedoch mit Tieren reden, sie glauben an das Gute und wollen das Fürchten einfach nicht lernen. Sie laufen in Siebenmeilenstiefeln umher, verfügen über besondere Fähigkeiten, denken nicht nur an sich selbst und setzen sich für Mensch und Tier ein. Solche Geschichten sollen weder belehren noch moralisieren . Sie sollen einfach Freude bereiten, die Fantasie beflügeln und deinem Kind helfen, sich gut und sicher zu fühlen.

Hast du Lust, mit deinem Kind selbst eine Geschichte auszudenken? Lass dich von diesem Beitrag inspirieren!

Geschichten bereiten auf die Welt vor

Obwohl gute Geschichten fantasievoll sind und voll Unmöglichem stecken, bilden sie ganz viel Realität ab. Ich finde Geschichten sind komprimierte und symbolisierte Realität. Deshalb bereiten sie dein Kind auf das Leben vor und erweitern seinen Horizont.

Wenn sich dein Kind in Erzählungen einfühlt, dann löst es in der Fantasie Konflikte ganz ohne Risiko, erlebt spannende Situationen und übt, welche Konsequenzen die verschiedenen Handlungen haben können.

Erzählst du als Vater oder Mutter deinem Kind Geschichten, dann durchlebst du diese mit deinem Kind gemeinsam. So kannst du mit ihm über Texte und Ereignisse in der Geschichte sprechen. Du erlebst hautnah, wovor sich dein Kind fürchtet, was es freut, was es bedrückt, wo es sich noch unsicher fühlt. Geschichten sind ein guter Einstieg, um in ein gemeinsames Gespräch zu kommen. Frage dein Kind; «was hat dich berührt an dieser Geschichte? Was nimmst du aus dieser Geschichte mit? Was von der Geschichte kennst du aus deinem Leben?» Du kannst mit deinem Kind darüber diskutieren, warum die Hauptfigur der Geschichte so und nicht anders gehandelt hat, was sie wohl dabei gedacht hat und wie dein Kind selbst in diesem Kontext reagiert hätte.

Mache dir bewusst, dass dein Kind durch Geschichten in einem safe place Herausforderungen des Lebens üben kann. Indem es imaginär verhandelt, was sein könnte oder was sich ereignen könnte und wie am besten darauf reagiert werden könnte, bekommt dein Kind Vorbereitung auf die Realität. Die Kraft der Geschichten auf die Lebenswelt deines Kindes ist nicht zu unterschätzen. Was dein Kind in der Fantasie erlebt, ist Übung für die Realität und dein Kind kann mit der Zeit seine fiktiven Erlebnisse in seinen Alltag immer besser integrieren und so sicherer verschiedenste Herausforderungen meistern.

Geschichten trainieren das Gehirn

Nur Zuhören ist gar nicht so einfach, das weisst du vielleicht selbst aus deiner Erfahrung, zum Beispiel an einem Vortrag oder von der Schule früher, wo oft noch Inhalte nur über Sprache vermittelt wurden. Nur Zuhören ohne visuelle Unterstützung ist ein wichtiger kognitiver Prozess., bei welchem dein Kind sein abstraktes Denken trainiert. Das Hirn verarbeitet die Sprache, indem es Gehörtes verstehen und in Zusammenhänge setzen muss. Danach muss es das Ganze mit eigenem Wissen verknüpfen können und so einordnen. Du siehst, dein Kind leistet beim Geschichten zuhören eine ganze Menge! Diesen Prozess, den dein Kind beim blossen Zuhören durchläuft, nennt man bewusstes, verstehendes Hören und es ist eine wichtige Voraussetzung für schulisches Lernen. Kinder, welchen nie eine Geschichte ohne Bilder und visuelle Unterstützung erzählt wurde, müssen bewusstes Hören in Kindergarten und Schule erst mühsam lernen, sie brauchen viel länger, um Inhalte ohne Bilder richtig zu verstehen und adäquat darauf reagieren zu können.

Geschichten geben inneren Bildern Raum und schenken Sicherheit

Was ich am Erzählen und Zuhören von Geschichten einfach wundervoll finde ist, dass es der eigenen Vorstellungskraft so viel Raum gibt. Mit Hilfe der Fantasie kann dein Kind eigene innere Bilder entstehen lassen und geht beim Zuhören auf Reisen in andere Gefühls- und Erfahrungswelten. Gute Geschichten verfügen über eine bildhafte Sprache, die in deinem Kind eben solche inneren Bilder entstehen lassen. Diese inneren Bilder tragen dazu bei, dass dein Kind das Leben besser verstehen kann. Sie geben ihm Orientierung, Halt und Sicherheit in den oft unberechenbaren Herausforderungen des Lebens. Durch Geschichten und die inneren Bilder, die sich dein Kind dazu macht, fühlt es sich in seiner Lebensrealität weniger unter Druck, es fühlt sich nie blossgestellt, sondern es wird behutsam mit der Geschichte zu einer Lösung geführt. Denn Geschichten haben eine Modellfunktion. Sie zeigen Konfliktsituationen in einem leicht verständlichen Bild auf und legen Lösungsmöglichkeiten nahe – die Hauptperson der Geschichte muss sieben Aufgaben lösen, Gefahren meistern, mit Gefühlen klarkommen, Ängste überwinden und andere richtig einschätzen, bis sie endlich die Lösung oder den Schatz gefunden oder jemanden erlöst hat. Das Miterleben in seinen eigenen inneren Bildern gibt deinem Kind Sicherheit und Zuversicht, selber in der Realität verschiedenste Herausforderungen meistern zu können und selbst Lösungen zu finden.

Ich wünsche dir viele Stunden, die du mit deinem kleinen Sonnenschein in Geschichten versunken erleben kannst!

 

Herzliche Grüsse aus dem Atelier

Monika von hanni&fred

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